Berichte

05.09.2021

Interview mit Jochen Stetina über Taliso's Vorbereitungsphase

Im Folgenden findet ihr ein Interview, das ich mit Jochen Stetina geführt habe. Er hat durch seine herausragende Belastungssteuerung und Trainingsplanung Taliso zu seiner Goldmedaille gebracht. 

Jochen Stetina (links), Claus Swatosch (rechts)

"Prinzipiell geht es darum, die beste Leistung abzurufen. Und wenn er die beste Leistungen zu dem Zeitpunkt abruft, kann es definitiv eine Medaille werden." Dies äußerte Jochen Stetina vor Beginn der Paralympischen Spiele. Ein paar Tage später: Der Plan ist aufgegangen! Taliso Engel ist Gewinner der Paralympischen Spiele und Weltrekordhalter über 100m Brust. Ein Interview mit Taliso wurde bereits auf der Homepage veröffentlicht. Doch nun wollte ich mit demjenigen sprechen, der Taliso auf seinem Weg hin begleitet hat und ihn gezielt auf die Paralympischen Spiele vorbereitet hat. Jochen Stetina ist als Trainer der ersten Mannschaft am Landesstützpunkt in Nürnberg tätig. Er ist lizensierter A Trainer und hat seinen Master in Sportwissenschaften mit Bravour abgeschlossen. 

Am gestrigen offiziellen Empfang von Taliso im Clubbad war es mir möglich, ihm ein paar Fragen zu stellen, die ihr im Folgenden nachlesen könnt.

 

Wie lange trainierst du Taliso denn schon mittlerweile bei der SG Mittelfranken in Nürnberg?

So richtig zuständig für Taliso war ich ab 2019. Gegen Ende 2018 hatten wir eine Veränderung in unserem Trainerteam, denn der ursprüngliche Trainer von Taliso konnte das Training nicht weiter machen. Ab der Saison 2019/2020 habe ich dann die 1. Mannschaft der SG Mittelfranken übernommen.

 

Wie lief die Trainingsvorbereitung? Vor allem durch die Verschiebung der Paralympischen Spiele, verursacht durch die COVID-19 Pandemie?

Prinzipiell lief die Vorbereitung sehr gut. Ja, Corona-bedingt mussten wir sechs Wochen pausieren. Das haben wir aber durch Krafttraining relativ gut kompensieren können. Das Kraftniveau hat er letzendlich sehr gut über die vorletzte/letzte Saison gebracht. Da konnten wir dann daruf aufbauen. Ansonsten lief es auch eigentlich fast optimal. Nach der EM - in Vorbereitung auf das Fachabi (das Fachabi begann Ende Mai) - war er dann mal drei bis vier Wochen sehr krank und konnte dadurch relativ wenig ins Wasser. Wenn er in diesen drei bis vier Wochen zweimal pro Woche im Wasser war, dann war das schon viel. Die letzten Wochen nach dem Fachabi liefen dann aber sehr gut. Da gab es keine Probleme oder Krankheiten. Man konnte gezielt trainieren. 

 

Du konntest Taliso ja nicht mit nach Tokio begleiten. Wie seid ihr dann in Kontakt geblieben?

Wir haben relativ viel per WhatsApp geschrieben. Telefoniert haben wir gar nicht so viel. Eigentlich nur, wenn es wirklich wichtig war. Ansonsten lief alles hauptsächlich über WhatsApp. Die Vorbereitungs- und Nachbereitungsgespräche gab es trotzdem, sie haben sich aber einigermaßen kurz gehalten und liefen dann hauptsächlich über die Bundestrainer vor Ort, mit denen ich auch die ganze Zeit über in Kontakt stand. 

 

Nach der überaus starken Zeit im Vorlauf (1:03.52min), mit welchem Ergebnis hast du im Finale gerechnet?

Nach der Nachbereitung des Vorlaufs und der Rücksprache mit dem betreuenden Bundestrainer Diagnostik waren wir schon der Meinung, dass es 0.3 bis 0.5 Sekunden schneller gehen könnte. Wir haben also gedacht, dass Taliso im besten Fall eine Zeit von 1:03.20min schafft. Dass es dann sogar unter 1:03.00min geht (1:02.97min), damit haben wir absolut nicht gerechnet. 

 

Was ging in dir vor, als du Taliso per Livestream im Finale über 100m Brust gesehen hast?

Ich habe schon eine gewisse Nervosität und Anspannung gemerkt. Ich habe mich gefragt, ob ihm die Nervosität oder der Druck im Weg stehen könnte, um im Finale nochmal schneller zu schwimmen. Als er dann angeschlagen hat, war ich sehr stolz auf ihn und habe mich gefreut. Taliso hat da wirklich ein sehr starkes Rennen hingelegt.

 

Wie erlebst du Taliso im täglichen Training?

Ich erlebe Taliso definitiv konzentriert und fokussiert bei der Sache. Trotzdem mit einem Quäntchen Spaß dabei. Letztendlich ist er auch für jeden Spaß zu haben. Ab und an, je nach Phase im Training, lässt er sich leicht ablenken. Je mehr es aber auf Hauptwettkämpfe zugeht, desto fokussierter ist er auch im Training. Ansonsten ist es relativ angenehm, Taliso zu trainieren. Er ist einer der Sportler, der nachfragt und gewisse Sachen auch hinterfragt. Zudem gibt er immer ein detailliertes Feedback, was die Arbeit sehr erleichtert und so angenehm macht.

 

Taliso ist der Einzige in der 1. Mannschaft am Landesstützpunkt, der eine Sehbehinderung hat. Trainiert er dann trotzdem ganz normal mit dem Rest der Gruppe mit oder gibt es irgendwo Einschränkungen?

Nein. Einschränkungen gibt es keine. Er trainiert das gleiche Konzept, das die 1. Mannschaft auch trainiert. Er hat mehr Trainingsangebot dahingehend, dass er mit der Nationalmannschaft ins Trainingslager fahren kann - was er dann in den Weihnachtsferien auch macht. Auch die direkten Vorbereitungstrainingslager macht er mit der Nationalmannschaft. Ansonsten fährt er mit uns ganz normal in die Trainingslager.

 

Taliso galt als großer Favorit über die 100m Brust in Tokio. Nun hat er im Vorlauf einen Weltrekord aufgestellt und diesen im Finale dann nochmal deutlich unterboten. Hast du dir solch ein überragendes Ergebnis ausgemalt?

Mit einem Weltrekord haben wir geliebäugelt aber nicht gerechnet. Mit einer Medaille haben wir eigentlich im Großen und Ganzen gerechnet, wenn alles so läuft, wie wir es geplant haben. 

 

Europameister, Weltmeister, Weltrekordhalter und Gewinner der Paralympischen Spiele. Was ist der Plan für die Zukunft?

Generell steht schon Paris 2024 an. Jetzt kommt als nächstes die WM, Taliso wird sein Abitur schreiben. Vielleicht schauen wir mal, ob er sich zwei Jahre mal komplett auf den Sport konzentriert wird, um dann die Paralympischen Spiele nochmal anzugreifen. Hinsichtlich Olympischer Sportart Schwimmen sind wir ja auch relativ gut dabei, mit seinem ersten Platz, in der Bestenliste. Da gilt es auch dranzubleiben, um im Olympischen Wettbewerb in irgendeiner Art und Weise den Anschluss an die Spitze Deutschlands zu finden.

 

Vielen Dank Jochen für das sehr interessante und angenehme Interview gestern. Nochmal herzlichen Glückwunsch zu deiner Leistung als Trainer!

 

Dominique Freisleben